GASTBEITRAG VON DR. WLADIMIR KLITSCHKO

Corona-Krise als Katalysator? Über die Coronalisierung der Wirtschaft

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Ex-Box-Weltmeister und Unternehmer Dr. Wladimir Klitschko sprach auf der jüngsten DIGITAL X DIGITAL EDITION über den Katalysator Corona und den schnellen Weg in die Digitalisierung. Lesen Sie seinen Impuls im Detail.

Wie alle anderen auch habe ich die letzten Wochen in Quarantäne verbracht. Ich musste mein berufliches und persönliches Leben über Nacht anpassen. Es war eine große Herausforderung. Ich glaube, ich bin Weltmeister im Homeschooling und Hometraining geworden. Diese Notlage war und ist also auch eine gute Gelegenheit zum Nachdenken. Hier einige Anmerkungen zu den Lehren und Folgen dieser Krise, die ich mit Ihnen teilen möchte.


Geschichte ist nicht die Wissenschaft der Vergangenheit, sondern der Veränderung. Aus dieser Perspektive betrachtet, ist diese Situation tatsächliche eine historische.


Corona ist eine Katastrophe und ein Katalysator zugleich. Eine Katastrophe, weil es viele Tote zu verzeichnen gibt. Und ich wage mir nicht vorzustellen, wie viele mehr wir zu beklagen hätten ohne Lockdown. Auch Tausende von Arbeitsplätzen stehen plötzlich in Frage, gehen verloren und stürzen damit Tausende von Familien in Not und Armut.


Nachhaltige Transformation sicherstellen

Die Realität zwingt uns aber auch zur Feststellung, dass Corona ein Katalysator ist. Corona hat in dieser Hinsicht als Zeitmaschine fungiert. Schließlich projizierte Corona Deutschland endgültig in die digitale Welt. Wir haben in ein paar Wochen das getan, was wir seit Jahren zu tun versuchen. Alle Organisationen haben sich angepasst, kleine wie große und die Menschen in ihnen. Viele Branchen, die bis jetzt als extrem schwer zu digitalisieren schienen, haben einfach, ohne sich groß Gedanken zu machen, mit der Digitalisierung begonnen.


„Einfach machen“, sagt mein Weggefährte Hagen Rickmann von der Telekom Deutschland. Es ist genau das, was jetzt passiert ist. Ohne Zögern und mit Mut in der Not, Digitalisierung einfach gemacht. Seien wir ehrlich: Diese Veränderung war nicht unbedingt beabsichtigt, eher erzwungen. Wir müssen jetzt die Nachhaltigkeit einer solchen Transformation sicherstellen. Jetzt ist es an der Zeit, die Auswirkungen der Krise proaktiver anzugehen.


Viele reden über die Welt „nach“ Corona, ich fürchte wir sollten uns auf die Welt „mit“ Corona fokussieren. Das Ende des Lockdowns ist nicht das Ende der Pandemie. Es ist aber vielleicht der Anfang einer neuen Economy.


Eine Economy, wo das Digitale gewiss die erste Rolle spielt, aber auch, wo die physische Distanzierung von zentraler Bedeutung sein wird. Ich nenne es die „Coronalisierung“. Viele Aktivitäten werden kontaktlos, nicht nur die Bezahlung. Viele Branchen werden „Tele“-, über die Telemedizin hinweg. Kein Sektor wird unberührt von der berührungslosen Wirtschaft bleiben.


Mit der Coronalisierung müssen die digitalen Anwendungen nicht nur nutzerfreundlich sein, sondern eine allgemeine menschenfreundliche Experience anbieten können. Den menschlichen Faktor zu integrieren und zu bedienen, trotz Entfernung und Technologie, das ist die zentrale Herausforderung der Coronalisierung.


Firmen müssen ihr Wertversprechen überdenken

Unsere Wirtschaft steht nicht vor dieser neuen großen Transformationswelle, sie ist mittendrin. Früher haben wir 3 bis 5 Jahre digitale Pläne geschmiedet, jetzt müssen wir sofort handeln. Keine Zeit für kleine Schritte. Mut zur Konsequenz ist gefragt.


Wir sind nicht völlig unbewaffnet, denn wir können auf den Lehren der letzten Wochen aufbauen. Corona ist eine furchtbare Krankheit und zugleich ein guter Lehrer. Es gibt zwei einfache Fragen, die wir uns als Unternehmer stellen können: Was wollen wir aus der vergangenen Periode hinter uns lassen und was wollen wir aus der Corona-Notlage übernehmen? Müssen wir immer ins Büro fahren, um zu arbeiten? Wann ist die menschliche Präsenz wirklich von Nöten? Kann ein guter Manager nicht auch aus der Entfernung führen?


Jede Organisation sollte sich diese Kernfragen stellen und vielleicht auch einen ‚Chief Corona Officer‘ (CCO) einstellen. Dabei geht es nicht darum, dass Unternehmen ein Produkt ändern oder eine neue Anwendung anbieten, sondern darum, ihr Werteversprechen völlig neu zu überdenken. Es wird das „Corona-Dilemma“ sein: Wie kann man das Bestehende schützen und gleichzeitig ein neues Kerngeschäft entwickeln, das die Auswirkungen der Corona-Notlage und die Vorteile der Digitalisierung radikal integriert?


Corona ist eine einzigartige Krise. Es ist lange nicht die einzige, die auf uns zukommen wird. Ein Kernelement sollten wir auf jeden Fall mitnehmen: Die Resilienz eines Unternehmens ist ebenso wichtig wie seine Produktivität und seine Wettbewerbsfähigkeit. Jedes Geschäftsmodell muss durch ein mentales Modell ergänzt werden, das den Geist des kontinuierlichen Wandels und die Bedeutung des menschlichen Faktors in den Mittelpunkt stellt. Hier geht es nicht mehr um Change Management, sondern eindeutig um Challenge Management.


Solidarität in der Krise wichtiger denn je

Im Kontext der Coronalisierung wird die Digitalisierung ihre wahre Bestimmung bekommen. Die Digitalisierung ist keine Initiative und keine Technologie, sie ist ein Mindset. Um das völlige Potenzial der Coronalisierung auszuschöpfen, sollte jede Firma an ihrer Fitness und ihrer Resilienz arbeiten. Und auch (an-)erkennen, dass die Digitalisierung kein Ziel an sich ist, sondern ein Tool, um die riesen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern, wie neue Pandemien, aber auch den Klimawandel und die alternde Gesellschaft. Jede Firma sollte sich als Ziel setzen, einen konkreten Beitrag zu leisten, um unsere Wirtschaft menschlicher, ökologischer und im Endeffekt lebenswerter zu machen.


Eine Krise wirft immer Fragen auf. Sie stellt die Art und Weise wie wir Unternehmen führen, aber auch unsere Lebensweise in Frage. Corona wirkt als Katalysator, aber auch als Offenbarung: Solidarität ist in Krisenzeiten unverzichtbar. Sie ist ein wirksames Bollwerk gegen die Pandemie und darüber hinaus die Lösung für viele unserer gesellschaftlichen Herausforderungen.


Zusammengefasst entspricht also die Coronalisierung einer Digitalisierung mit weniger physischem Kontakt, aber mehr Solidarität und damit mehr Sinn. Wir müssen diesen Moment nutzen und willkommen heißen, denn es ist der Moment des möglichen Fortschritts. Lasst uns als Unternehmer und vor allem als Mensch diesen Termin mit der Geschichte nicht verpassen.

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