Wie Strabag die Digitalisierung für die Baubranche nutzt

Baubranche: Sohn des Strabag-Gründers will den Bau digitalisieren

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Klemens Haselsteiner will mit Innovationen für einen Produktionszuwachs sorgen. Bei Erfolg winkt dem Sohn des Gründers der Chefposten im Baukonzern.

Dieser Text ist zuerst im Handelsblatt erschienen.


Architektur ist immer Botschaft. Der Baukonzern Strabag residiert in einem transparenten Glasgebäude am Donauufer in der Uno-City. Von der Vorstandsetage ist der Blick über die Donaumetropole bis zu den Weinbergen des Wienerwalds spektakulär. Im Dachgeschoss arbeitet seit Jahresbeginn Klemens Haselsteiner als neuer Vorstand für Digitalisierung, Unternehmensentwicklung und Innovation.


In dem mit zeitgenössischer Kunst vollgestopften Bürokomplex hat er das Büro seines 75-jährigen Vaters, des Strabag-Gründers, ehemaligen CEO und heutigen Großaktionärs Hans-Peter Haselsteiner, bezogen. Dieser Arbeitsplatz ist kein Zufall, denn verläuft alles nach Plan, wird der 39-Jährige den seit sieben Jahren amtierenden CEO Thomas Birtel auf dem Chefsessel beerben. Die Büros des Vorstandsnovizen und des Vorstandschefs liegen schon heute quasi nebeneinander.


Doch noch ist die Zeit für einen Machtwechsel im zweitgrößten Baukonzern im deutschsprachigen Raum nicht reif. Das weiß der in der Südtiroler Hauptstadt Bozen aufgewachsene Baumanager nur zu gut. Entsprechend vorsichtig ist Klemens Haselsteiner. „Über den Chefsessel der Strabag mache ich mir keine Gedanken. Ich konzentriere mich auf meine Aufgaben“, sagt der frischgebackene Vorstand.


Und die bestehen vor allem darin, die vielen einzelnen Initiativen zu einer größeren Digitalisierung und Innovation im Konzern zu einem Gesamtkunstwerk zusammenzufügen. „Das geht von Themen wie 3D-Druck über eine neue Asphaltmischung zur Reduktion von Feinstaub bis hin zu grünen Fassadenpaneelen“, sagte Haselsteiner. „Die Baubranche ist bei der Digitalisierung vergleichsweise am Anfang.“


Der frühere österreichische Bundeskanzler und Strabag-Aufsichtsratschef Alfred Gusenbauer ist überzeugt: „Die Digitalisierung wird auch das Bauwesen revolutionieren.“ Vom neuen Vorstand ist der frühere SPÖ-Chef begeistert. „Klemens Haselsteiner ist von seiner Intelligenz, seinem Wissen und seiner Führungsfähigkeit her prädestiniert für eine Vorstandsposition in der Strabag“, schwärmt der heutige Unternehmer. „Er ist keine reine Schreibtischführungskraft, sondern weiß aufgrund seiner Projekterfahrung vor Ort, wovon er redet.“


„Viele Menschen haben Erwartungen, die man nicht erfüllen kann“

Seinen Vorstandsbereich muss sich Klemens Haselsteiner erarbeiten. Denn sein Ressort wurde eigens für ihn geschaffen. Es umfasst aber rund 1500 Mitarbeiter von insgesamt 76.000. Der erste Vorstandsposten ist für den Milliardärssohn nicht einfach. Denn im Strabag-Reich wird er mit Argusaugen beobachtet. „Es ist nicht nur ein Vorteil, der Sohn von Hans-Peter Haselsteiner zu sein“, gesteht er ein. „Denn viele Menschen haben viele Erwartungen, die man nicht erfüllen kann. Die meisten bilden sich bereits eine Meinung, bevor sie einen überhaupt kennen.“


Doch Haselsteiner ist viel im weitverzweigten Baukonzern unterwegs, um Urteile oder gar Vorurteile notfalls zu korrigieren. Er ist das einzige Familienmitglied in der Führungsetage. Seine beiden älteren Brüder, der „Lebenskünstler“ Johannes und der in Wien selbstständige Architekt Sebastian, sowie der Halbbruder Simon, der noch in der Ausbildung ist, besitzen keine Ambitionen, ins Familienunternehmen einzutreten.


Die Familie Haselsteiner ist mit 26,4 Prozent an Strabag beteiligt. Die anderen beiden Großaktionäre sind der russische Milliardär Oleg Deripaska (25,9 Prozent) sowie der Versicherungskonzern Uniqa und Raiffeisen mit 27,5 Prozent der Unternehmensanteile.


Die Baubranche ist Klemens Haselsteiner längst ans Herz gewachsen. Bei der Strabag-Tochter Züblin in Stuttgart hat er kaufmännisches Geschick bewiesen. Zwischen 2016 bis 2019 war er zuerst kaufmännischer Bereichsleiter und danach Direktionsleiter. Er hat bekannte Bauprojekte wie für Axel Springer in Berlin, Daimler in Stuttgart oder Adidas im fränkischen Herzogenaurach verantwortet. Dabei hat er sich aus der Sicht seines Vaters sowie des Vorstands bewährt und ist mittlerweile mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Wien gezogen. „Es ist ein schönes Gefühl, in der Heimat angekommen zu sein“, sagt er zufrieden lächelnd.


Seine Ausbildung erhielt er an der privaten DePaul University in Chicago, wo er mit einem Bachelor abschloss. Später absolvierte er eine Managementausbildung an der Wharton School der University of Pennsylvania und arbeitete drei Jahre lang bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG.


Schmale Gewinnmarge soll steigen

Im Familienunternehmen ist sein Vorstandsposten kein Selbstzweck. Ziel ist es, mit Digitalisierung und Innovationen Produktivität und Gewinn zu steigern. Denn bei einem Umsatz von 15,2 Milliarden Euro im Jahr 2018 belief sich der bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von Strabag nur auf 503 Millionen Euro. Das entspricht einer bereinigten Ebit-Marge von nur 3,3 Prozent. „Wir glauben schon, dass wir durch Effizienzsteigerung vier Prozent Ebit-Rendite bis zum Jahr 2022 ins Auge fassen können“, sagt Haselsteiner junior vorsichtig.


Dazu soll auch der Einsatz digitaler und innovativer Techniken beitragen. Künstliche Intelligenz, eingesetzt beispielsweise bei der Qualitätskontrolle von Autobahnen oder Mauerwerken, soll eine „sehr große Rolle“ spielen – ohne aber Arbeitsplätze zu vernichten. Gleichzeitig soll Nachhaltigkeit einen höheren Stellenwert bekommen. „Wir wollen einen stärkeren Beitrag zum Klimaschutz leisten“, verspricht der Innovationsvorstand.


An mangelndem Selbstbewusstsein leidet der Sohn des Strabag-Gründers nicht. „Ich besitze eine gewisse Überzeugungskraft wie mein Vater“, sagt er und fügt an: „Mein Vater hat es immer geschafft, seine Mitarbeiter mitzureißen. Darin ist er mir ein Vorbild.“ Das Verhältnis zwischen Sohn und Vater ist nicht immer von Harmonie geprägt, und das ist auch aus der Sicht der zweiten Generation gut so. „Wir diskutieren gerne auch kontrovers“, sagt Klemens Haselsteiner, der wie sein Vater auch schon mal ungeduldig werden kann.


Im Gegensatz zu seinem Vater, der die liberale Oppositionspartei Neos seit ihrer Gründung fördert und als liberaler Politiker auch im österreichischen Parlament saß, ist Klemens Haselsteiner kein Homo politicus.


Das heißt aber noch lange nicht, dass er keine politische Position vertritt. Aus seiner Abneigung gegen die Rechtspopulisten, die zusammen mit der konservativen ÖVP unter Kanzler Sebastian Kurz bis zur „Ibiza-Affäre“ im Mai regierten, macht er keinen Hehl. „Mit ist das politische Signal von Türkis-Grün tausendmal lieber als jenes von Türkis-Blau“, sagt der Unternehmer zur neuen Koalition zwischen ÖVP und Grünen, die quasi zeitgleich wie er Anfang Januar ihre Arbeit aufnahm. Doch aktiv in der österreichischen Politik mitzumischen kommt für ihn nicht infrage: „Ich bin nicht in einer Partei aktiv und habe auch keine politischen Ambitionen

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