Digital Leader in der Pandemie

Sascha Pallenberg über Taiwans technologischen Fortschritt und eine nerdige Digitalministerin

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Vor Kurzem sprach Gunnar Sohn mit Sascha Pallenberg im Digital X Studio über Taiwan, das Land des technologischen Fortschritts mit IT-Genies und einer Digitalministerin mit Nerdfaktor.

Über Sascha Pallenberg

Von 2012 bis 2016 betrieb Sascha Pallenberg mobilegeeks.de – ein Blog, der über aktuelle Entwicklungen auf dem Mobile Computing Markt berichtet. Für die Daimler AG war er von 2017 bis 2020 als Head of Digital Transformation in der Abteilung der Unternehmenskommunikation zuständig. Gemeinsam mit Sarah Elsser und Karsten Lohmeyer arbeitet Sascha Pallenberg seit Oktober 2020 an STBNHCKR – ein Podcast, Livestream und Blog rund um das Thema Home Office und Remote Work. Für die Nachhaltigkeits-Plattform Aware ist er seit dem 1. April 2021 als Chief Awareness Officer tätig. Sascha Pallenberg arbeitet im Digitalen und lebt in Taiwan.

Taiwan und seine smarte Strategie in der Pandemie

Die schnelle Reaktionsfähigkeit des Landes in Sachen Pandemie entstand aus den Gegebenheiten. Denn Taiwan bekämpfte in der Vergangenheit bereits mehrmals derartige Seuchen. Von den gesammelten Erfahrungen konnte die Insel im Westpazifik profitieren: Prozesse sind etabliert, Infrastrukturen sind vorhanden und die daraus resultierenden kurzen Wege erleichtern der taiwanischen Bevölkerung das alltägliche Leben.

Aufgrund dieser Entwicklungen und Erfahrungen hat die Öffentlichkeit auch eine gewisse Sensibilität für derartige Herausforderungen entwickelt. Sascha Pallenberg schilderte auch seine eigenen Erfahrungen mit der Corona-Pandemie, die sich in Taiwan im März 2020 auszubreiten begann. Durch die vorangegangenen Herausforderungen wie Schweine-, Hühner- und Vogelgrippe war man an diverse Maßnahmen – wie Fiebermessen in Flughäfen – bereits gewöhnt.

“Von Anfang an konnten Hotspots für Corona vermieden werden. Es gab die Möglichkeit, Erkrankungen genauestens zu verfolgen – Tracing zu machen – und Infektionen auf diesem Wege zu überwachen. Und das geht bis heute sehr gut.” – Sascha Pallenberg

Diese schnelle Reaktionsfähigkeit hat laut Pallenberg auch viel damit zu tun, wie sich die Gesellschaft in Taiwan in den letzten vier bis fünf Jahren digitalisiert hat: Es wurde gezielter mit Daten gearbeitet, die Bevölkerung stärker involviert und dazu motiviert, sich an der Demokratie aktiv zu beteiligen. Der hohe Grad der Digitalität ist auch durch die lokale Industrie und durch den hohen Anteil an Berufstätigen, die im Bereich der Informationstechnologien tätig sind, entstanden. Woran man den Grad der Digitalität noch erkannt? Sascha Pallenberg erklärte das mithilfe des folgenden Beispiels.

Audrey Teng: Die taiwanische Digitalministerin mit Nerdfaktor

In Taiwan mussten im Dezember 2020 Atemschutzmasken rationiert werden. Die GOV Community, eine Open Source Community bestehend aus Entwicklerinnen und Entwicklern, programmierten innerhalb weniger Tage eine App. Mit dieser Applikation konnten Bedürftige schnell und einfach herausfinden, wo sie sich noch Masken besorgen konnten.

Für diese Schnelligkeit ist auch die taiwanische Digitalministerin, Audrey Teng, verantwortlich. Sie engagiert sich seit vielen Jahren für die Digitalisierung, macht sich jedoch auch für die Zusammenarbeit mit der Open Source und Hacker Community stark, mit der sie selbst Berührungspunkte hatte. Auch der Kontakt zu jungen und technikaffinen Menschen wurde von der Digitalministerin forciert. Das Ergebnis: junge Menschen bringen sich ein, arbeiten mit und beteiligen sich an der Entwicklung eines digitalen Staates.

“Im Grunde genommen ist Demokratie wie Semicondctor-Industrie: Jeder kann daran teilnehmen und helfen, diese zu verbessern. Und genau das findet täglich in Taiwan statt.” – Sascha Pallenberg.

Gleichzeitig ist für Sascha Pallenberg Taiwan ein positives Beispiel dafür, wie ein Land mit den Daten seiner Bevölkerung umgehen sollte. Viele andere Länder wie Deutschland haben diesbezüglich noch Luft nach oben.

Taiwan und der Umgang mit Fake News

Als im Januar 2020 Wahlen in Taiwan stattfanden, mussten sich das Land und die Regierung mit Angriffen auf die Wahl aus dem Ausland auseinandersetzen. Anlässlich dieses Ereignisses eröffnete Facebook einen ersten War Room in Taiwan. Die taiwanische Regierung musste einer Fake-News-Flut, die wahrscheinlich von einem ausländischen autoritären Regime ausgelöst wurde, entgegen treten.

Der Ansatz der taiwanischen Regierung zur Lösung des Problems war so einfach wie pragmatisch: Man entwickelte Meldestrukturen, mit denen Nutzer Fake News schnell melden konnten. Außerdem hat man Kreative, Designer und Grafiker organisiert, die Memes gegen Fake News erstellten. Am Ende verbreiteten sich die Memes weitaus schneller als die Fake News. Auf diese Weise konnte die Regierung dieser Lawine an Falschnachrichten mit einem kleinen und überschaubaren Team aus Kreativen Herr werden.

“Das war das Inspirierendste, das Tollste und auch wirklich das Emotionalste, was ich jemals gesehen und erlebt habe. Auch dieses Beispiel zeigt, mit wie viel Kreativität und Innovation man hier die Gesellschaft weiterentwickelt – insbesondere, wenn es darum geht, diese zu digitalisieren.” – Sascha Pallenberg.

Taiwan und digitale Bildung

Im Gegensatz zu anderen Ländern musste die taiwanische Regierung keine Schulen schließen. Die Schüler konnten letztes Jahr wie gewohnt den Unterricht besuchen. Der Output taiwanischer Universitäten an Ingenieurinnen und Ingenieuren ist bemerkenswert, aber auch eine der Gründe dafür, warum sich zahlreiche technologieorientierte Unternehmen in Taiwan angesiedelt haben.

Wie diese Entwicklung stattfand? Sascha Pallenberg ist davon überzeugt, dass das Land, in dem er lebt, die Chancen der Digitalisierung und die Chancen der Semiconductor Industrie sehr früh erkannt hat. Außerdem stellte der Staat entsprechende Mittel bereit, um die Schritte in Richtung Digitalisierung zusätzlich zu unterstützen. Selbst Deutschland war einmal weltweit führend in der Solarzellenindustrie. Dafür wurden damals vom Staat Initiativen ins Leben gerufen. Der Erfolg ließ damals nicht lange auf sich warten und es siedelte sich sogar Industrie an, die Solarzellentechnologie weiterentwickelte. Damals war diese Entwicklung nur möglich, weil Staat und Industrie gemeinsam an der Umsetzung mit arbeiteten. Und diesen Ansatz braucht es auch im Bildungssystem.

In Taiwan lernen Schüler im Grunde nicht anders als in Deutschland. Allerdings bemühte sich die taiwanische Regierung, jungen Menschen Technologien frühestmöglich näherzubringen. Im Jahr 2002 wurden öffentliche Plattformen – ähnlich der deutschen VHS – vor allem in den ländlichen Gebieten geschaffen. Hier lernten Kinder den Umgang mit Computern und dem Internet.

“In Taiwan findet man generell eine Gesellschaft vor, die stärker für technologische Entwicklungen und deren Chancen sensibilisiert wurde.” – Sascha Pallenberg.

Taiwan und kollaborative Arbeit

Am Anfang der Pandemie gab es in Taiwan, genauso wie in Deutschland, Homeoffice-Möglichkeiten, die Arbeitnehmer nutzen konnten. Taiwanische Kolleginnen und Kollegen von Daimler konnten wie die deutschen Mitarbeiter problemlos von Zuhause aus arbeiten. Auch Kollaborationstools, die seit vielen Jahren genutzt wurden, kamen vermehrt zum Einsatz. Taiwanische Unternehmen hatten mit dieser Form des digitalen kollaborativen Arbeitens laut Pallenberg keinerlei Bauchschmerzen.

“Das Rückgrat der Industrie in Taiwan ist IT und Consumer Electronics. Arbeitnehmer beschäftigen sich also täglich mit Technologien und haben daher kein Problem mit diesen technischen Dingen.” – Sascha Pallenberg.

Digitale Bildung: Die größte Chance für Deutschland liegt in Open Education Resources

Sascha Pallenberg ist davon überzeugt, dass mithilfe von Open Source eine Plattform geschaffen werden kann, die wirklich jeder von uns nutzen und mit an dieser aktiv mitarbeiten kann. Dazu passt auch das Zitat von Audrey Tang, das Pallenberg am Anfang des Digital X Studios zitierte: Jeder ist dazu angehalten, die Digitalisierung und die digitale Bildung in Deutschland aktiv mitzugestalten.

Wie viel Potenzial würde darin stecken, wenn wir eine eigene Open Source Software bundesweit allen Schulen zugänglich machen würden – und diese Software eine Pflichtanschaffung wäre? Schüler im fünften oder sechsten Schuljahr könnte man auf diese Weise an das Programmieren heranführen. Die dadurch entstehende Begeisterung für das Thema könnte die Schüler später wiederum dazu motivieren, sich mit Verbesserungsvorschlägen für die Open Source Software einzubringen. Am Ende arbeiten Menschen an den Verbesserungen, die täglich mit dieser Plattform zu tun haben. Der Kreis schließt sich mit der nächsten Schülergeneration, die sich dann wiederum mit der Open Source Software und der eigenen Plattform in der Schule auseinandersetzen müsste.

“Wenn wir so etwas hinbekommen, dann erschaffen wir System, die kontinuierlich von den Menschen verbessert werden, die am meisten und am intensivsten Erfahrungen damit gesammelt haben. Dann müssten wir uns über unser Bildungssystem überhaupt keine Gedanken mehr machen.” – Sascha Pallenberg.

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