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Digitalisierung Naher Osten

Digitalisierung Naher Osten - Chancen für den deutschen Mittelstand

Die Internetuser-Raten schießen in die Höhe, digitale Netzwerke wachsen und verdichten sich. Der arabische Raum steht vor der Herausforderung einer grundlegenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierung. Digitalisierung ist dafür eine zentrale Voraussetzung und Schlüsselfaktor des Erfolgs. Für deutsche Unternehmen, insbesondere auch mittelständische, liegen in diesem Wandel Chancen für gewinnbringende Kooperationen. Dr. Ute Cohen hat Dr. Kersten Knipp, einen renommierten Journalisten und Spezialisten für die Länder des Nahen Ostens, zur Einschätzung von Marktchancen und einer Bewertung der aktuellen Situation befragt.

Europäer profitieren bei der Digitalisierung von offenen Grenzen. Wie gestaltet sich die Situation in arabischen Ländern?


Ganz unterschiedlich. Generell folgt sie dem ökonomischen Entwicklungsstatus der jeweiligen Länder. Hoch ist der Ausbau der Digitalstruktur etwa in den reichen Golfstaaten.

So nutzen dem Informationsportal DataReportal zufolge in Saudi-Arabien von den gut 35 Millionen Einwohnern des Landes über 33 Millionen das Internet. Allein zwischen 2020 und 2021 wuchs die Zahl der Nutzer um über vier Prozent. Knapp 96 Prozent des Landes sind digital erschlossen. Nahezu 28 Millionen Bürger nutzen zudem die digitalen Netzwerke.


Noch höher ist die Zahl der Internet-Nutzer in Katar, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten (jeweils 99 Prozent). Etwas weniger hoch ist sie im Irak (75 Prozent) und im Libanon (78 Prozent).


Aber auch in dem ärmsten arabischen Land, dem von einem längst internationalisierten Krieg heimgesuchten Jemen ist die Situation recht gut. Von den derzeit rund 30 Millionen Jemeniten gaben im Januar 2021 gut acht Millionen an, das Internet regelmäßig zu nutzen - Tendenz steigend: zwischen 2020 und 2021 wuchs die Zahl der Nutzer um 2,3 Prozent. Insgesamt 3,2 Millionen Jemeniten gaben an, regelmäßig die sozialen Medien zu nutzen. 


In gewisser Weise ist das Internet ein Indikator für die wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklung eines Landes und damit auch für seine ökonomischen Perspektiven. Die hängen allerdings auch von weiteren Faktoren ab. So herausragend die Situation etwa in Saudi-Arabien ist, so zweifelhaft ist der politische Ruf des Landes. Die offenbar mit Wissen der Staatsspitze - genauer, des Kronprinzen Mohammed bin Salman (MbS) - ausgeführte Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi im Oktober 2018 in der saudischen Botschaft in Istanbul hat der Reputation des Königreichs schwer geschadet. Dass MbS einem Bericht des Menschenrechtsbüros der Vereinten Nationen zufolge das Handy von Amazon-Chef Jeff Bezos zu hacken versuchte, um auf diese Weise Einfluss auf die Berichterstattung der in Bezos Besitz befindlichen 'Washington Post' zu nehmen, tat dem Ruf des Landes ebenfalls nicht gut. 


Bassant Helmi, die Gründerin des "Digital Arabia Network", versucht seit 2017 die Menschen innerhalb der gesamten MENA-Region zu vernetzen? Wie weit ist das Projekt gediehen?


Bassant Helmi hat sich mit dem DAN ja viel vorgenommen. Ihr geht es ja grundsätzlich darum, den Rückstand aufzuholen, in dem sich die arabische Welt mit Blick auf den Westen immer noch befindet. Das liegt daran, das die digitalen Schlüsseltechnologien ja im Westen, insbesondere den USA, entwickelt wurden, und die Länder des Nahen Osten diesen Prozess im Wesentlichen nachvollziehen, ohne also größere eigene Impulse zu setzen. Konkret setzt Helmi bei ganz unterschiedlichen Feldern an: der Arbeit der Zukunft etwa, dem Datenschutz, der digitalen Freiheit, Open Source, Open Data, digitale Freiheit, Fake News, Bürgerbeteiligung, Kampf gegen Korruption.

Die Stichworte zeigen, worum es im Grundsätzlichen geht, nämlich die politische und gesellschaftliche Modernisierung, für die die digitalen Netzwerke eine ganz wesentliche Voraussetzung sind. Das Anliegen geht also weit über das Technische hinaus und zielt auf eine grundlegende Transformation. Letztlich geht es darum, dem Rechtsstaat und dem ihm zugrundeliegenden Bewusstsein den Weg zu Bahnen. Wie wichtig das ist, hat sich im arabischen Revolutionsjahr 2011 gezeigt: Mehrere autoritäre Systeme wurden hinweggefegt. Zwar konnten sich einige Systeme behaupten, wie etwa in Ägypten unter dem derzeitigen Staatschef Abdel Fatah al-Sisi. Aber möglich ist das nur um den Preis einer massiven Unterdrückung, wie sie etwa Amnesty International und Human Rights Watch dokumentieren. Die Stabilität in Ägypten ist eine vordergründige, die Möglichkeit neuer Proteste und Aufstände ist nicht auszuschließen. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf mögliche Investitionen aus dem Ausland. Hinzu kommt, dass Regierungen auch im Nahen Osten unter Beobachtung durch die Teilnehmer der sozialen Netzwerke stehen. Machtmissbrauch etwa spricht sich schnell herum. Unternehmen aus dem Ausland, die sich auf dubiose Partnerschaften einlassen, stehen darum auch in ihren eigenen Ländern unter Rechtfertigungsdruck. Das dürfte entsprechende Geschäfte künftig schwieriger machen. Insgesamt dürfte sich diese Entwicklung weiter über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte ziehen. DAN begleitet sie kontinuierlich, setzt im Internet und in (derzeit überwiegend) digitalen Konferenzen Impulse, die dann - wenn es gut läuft - in die arabische Welt hineinwirken. Die Initiative entspricht aber ganz den Anliegen der jüngeren Bevölkerungsteile der Region, darf also darauf rechnen, angenommen zu werden.


Fünf unterschiedlichen Bereiche werden fokussiert: Kunst und Kultur, Wirtschaft und die Zukunft der Arbeit, Bürgerbeteiligung sowie Onlinemedien und Journalismus. In welchen Bereichen kann man den größten digitalen Fortschritt verzeichnen?


Auf seiner Website zieht DAN ein ausdifferenziertes Resümee, das vor allem entlang geografischer Linien verläuft. In der digitalen Bildungstechnologie engagierte Unternehmen finden sich vor allem in Ägypten und Jordanien, während die Akteure von online-Medien besonders in Tunesien und im Libanon präsent sind. Das entspricht einer gewissen Folgerichtigkeit: So ist der Libanon ja seither das kulturelle Zentrum der arabischen Welt, hier kam die erste Druckerpresse zum Einsatz, hier finden sich die meisten Verlage. Derzeit, verstärkt durch die Explosion im Beiruter Hafen vom August 2020, steckt das Land in einer schweren ökonomischen Krise. Doch gerade die motiviert viele jungen Libanesen, sich gegen das politische System des Landes wie dessen Repräsentanten zu positionieren. Dabei spielen online-Medien natürlich eine enorme Rolle. Tunesien hingegen ist, wenn man so will, das Mutterland der Arabellion von 2011, von hier gingen die entscheiden Impulse in die gesamte arabische Rebellion. Zwar ist es inzwischen ebenfalls in eine ökonomische und in deren Folge auch kulturell-gesellschaftliche Depression geraten. Umso mehr engagieren sich Aktivisten aber für die Zukunft des Landes - auch das läuft ja zentral über online-Medien. Die Bildungsunternehmen in Ägypten entsprechen hingegen dem Kurs der eingeschränkten Modernisierung, die die Regierung Al-Sisi fährt. Ihr geht es vor allem um eine technologische Modernisierung wie auch eine - sehr behutsame, da hoch riskante - Modernisierung des kulturellen Bewusstseins. Nachdem 2013 die Regierung der Muslimbrüder gestürzt wurde, kommt es der Regierung nun darauf an, ihr so weit wie möglich den Boden zu entziehen. Das geschieht über die wirtschaftliche Modernisierung des Landes, für die Bildung ein ganz wesentlicher Faktor ist - schon darum, weil Jahr für Jahr viele zehntausend Hochschulabsolventen auf den Arbeitsmarkt drängen und auf eine adäquate Anstellung hoffen. Viel zu oft vergeblich, ein Umstand, der für erheblichen Unmut sorgt. Die klügste Antwort darauf ist natürlich die wirtschaftliche Modernisierung via Bildung. 


60% der Bevölkerung in den arabischen Ländern ist unter 40 Jahre alt. Bedeutet dieses niedrige Durchschnittsalter eine Chance?


Es bedeutet dann eine Chance, wenn sich dieser Bevölkerungsanteil angemessene Arbeitsplätze findet. Bleiben die aus, bildet sich ein gewisser Missmut, der ja schon einmal, 2011, in eine politische Revolte mündete. Zumindest war die Unzufriedenheit angesichts der persönlichen Lebensperspektiven ein gewichtiges Motiv. Insofern sind die jüngeren Generationen zumindest potentiell ein erheblicher Faktor der digitalen - und mit ihr – gesellschaftlichen Modernisierung. Tatsächlich macht diese Generation ja Druck: Im Herbst 2019 ging sie im Irak auf die Straße, ein Jahr später in Libyen, seit längerem bereits in Algerien. Die Bewegung dort nennt sich "hirak" - was nichts anderes als "Bewegung" heißt, und zwar im doppelten Wortsinn: Der Bewegung kommt es darauf an, Bewegung in das Land zu bringen. Vergleichbare Protestkundgebungen gibt es in weiten Teilen der arabischen Welt. Teils zeigen sie sich offen, teils wirken sie eher zurückhaltend und diskret. Überall aber sind die jüngeren Generationen sehr genau über das Geschehen in anderen Teilen der Welt informiert, sie wissen, was gerade passiert, sind etwa über die Protestkundgebungen in Belarus ebenso im Bilde wie die in Myanmar. Sie sehen so, dass sie nicht alleine sind. Das ist natürlich ein ungeheurer Motivationsfaktor. Zumal wissen die Regierungen, dass sie die jüngeren Generationen nicht mehr wie früher mit ideologischen Versatzstücken welcher Art auch immer beruhigen können. Jeglicher Überbau wird nüchtern am Unterbau gemessen. Das birgt ungeheures Potential.


Welche Kooperationen gibt es zwischen deutschen und arabischen mittelständischen Unternehmen?


"Der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft" sieht eine ganze Reihe von Kooperationsmöglichkeiten. So verweist er etwa auf eine Studie der Arab Petroleum Investment Corporation, der zufolge bis 2023 insgesamt eine Energie-Kapazität von weiteren 88 Gigawatt nötig ist, um den wachsenden Energiebedarf der Region zu decken. Schätzungen zufolge sind hierfür Investitionen im Wert von 142 Milliarden US-Dollar nötig. Dabei sind auch mittelständische Unternehmen gefragt, etwa solche aus dem Bereich der alternativen Energieerzeugung. Denn auch in der MENA-Region hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Energiewende zum einen ökologisch notwendig ist und zum anderen enormes wirtschaftlich Potenzial birgt. Gerade mittelständische Unternehmen können dabei eine Rolle spielen.

Zudem sollen in einigen Staaten der Region ja komplett neue Städte entstehen. Das bekannteste Beispiel ist etwa die Stadt NEOM im Nordwesten Saudi-Arabiens. Neben der Energieversorgung geht es dabei auch um digitale Technik. Auch hier können deutsche Unternehmen sich gefordert sehen, ebenso auch in der Umwelttechnik und Müllentsorgung via Recycling. Auch jenseits der Golfregion bestehen bereits Energiepartnerschaften, so etwa mit den Maghrebstaaten.


Welche Rolle spielen Unternehmerinnen in der arabischen Welt, insbesondere in der Digitalbranche?


Ihre Rolle unterscheidet sich von Land zu Land, aber insgesamt sind Unternehmerinnen auf dem Vormarsch. In Tunesien etwa gründete Souad Kamoun bereits 1976 ein Unternehmen für Backwaren. Inzwischen ist daraus eine eigenständige Konditoreikette mit über 500 Angestellten entwickelt, spezialisiert auf Feinkost und Patisserie. Erheblich jünger ist die Initiative "Errim", ein Zusammenschluss von über 160 Kleinbäuerinnen aus der Region rund um Kairuan. Die Frauen verarbeiten und vermarkten ihre Produkte und beliefern mit ihnen nicht nur den nationalen, sondern auch den internationalen Markt. 

Jenseits dieser eher traditionellen Unternehmensformen sind arabische Unternehmerinnen längst auch im Digitalen unterwegs. In Dubai etwa gründeten Mona Ataya und Leena Khalil im Jahr 2011 eine populäre e-commerce-Plattform, "Mumzworld", gegründet, die - der Name sagt es - Produkte für Frauen und Kinder vertreibt. Inzwischen vertreiben die beiden ihr Angebot auch auf einem nicht-digitalen Kanal, nämlich einem großen Warenhaus in Dubai.

In Jordanien gründete Nour Al-Hassan das Unternehmen "Tarjama" (deutsch: "Übersetzung"), das digitale Übersetzungsdienste, Content-Angebote wie auch Sprachlehrprogramme anbietet. Inzwischen beschäftigt ihr Unternehmen rund 130 Angestellte. Ein Nebeneffekt ihrer Arbeit: Mehr und mehr arabische Jugendliche lernen Englisch.

Die Ägypterin Ghada Eltanawy hingegen gründete im Jahr 2017 "La Reina", ein e-commerce-Unternehmen, das sich auf elegante, aber für viele Menschen bezahlbare Kleidung spezialisiert - ein Beitrag auch zur Demokratisierung der Mode.

Dana Baki wiederum hat in Dubai einen Catering-Service, "MUNCH:ON", gegründet, der Unternehmen, private Haushalte wie auch Restaurants beliefert – 200 allein in Dubai, über 500 in den Vereinigten Arabischen Emiraten insgesamt.

Der Website "Globalfemaleleaders" zufolge lassen Beispiele wie diese - zahllose weitere ließen sich anfügen - erkennen, dass die arabischen Märkte für Unternehmerinnen immer offener werden. Allerdings ist der Anteil ihrer Unternehmen im gesamten Wirtschaftsraum der MENA-Region noch überschaubar: Dem Informationsportal ecomena.org zufolge beträgt er gerade vier Prozent. Und noch immer sehen sich Frauen in der Wirtschaft zahlreichen Hindernissen gegenüber, rechtlichen und kulturellen ebenso wie solchen der Kapitalbeschaffung. Dennoch, der Erfolg, den viele Unternehmerinnen verzeichnen, dürfte langfristig die Geschäftskultur der gesamten Region beeinflussen. 


Inwiefern trägt Digitalisierung zur Demokratisierung dieser Länder bei?


Enorm. Allerdings braucht sie Zeit. Schauen Sie etwa auf Saudi-Arabien: Dort ist die junge Bevölkerung natürlich bestens informiert über die politischen Nöte des Königshauses. Sie weiß, das US-Präsident Joe Biden auf Distanz zur Führung in Riad geht, sie weiß auch, welch schlechten Ruf Kronprinz Mohammed bin Salman (MbS) hat. Das stärkt natürlich den Legitimationsdruck, dem MbS auch durch - maßvolle - Modernisierung zu entsprechen versucht. Das äußert sich etwa in erweiterten Frauenrechten. So dürfen Frauen seit einiger Zeit Auto fahren, auch ist das so genannte Vormundschaftsgesetz abgeschafft, dass Männern eine nahezu unbegrenzte juristische Macht über ihre weiblichen Verwandten gab. Damit ist es nun vorbei. Paradoxerweise sind aber nicht wenige derjenigen Frauen, die diese Reformen und Gesetzesänderungen anfänglich eingefordert hatten, weiterhin in Haft. Auch über das Internet agierende Aktivisten wie der Kritiker Raif Badawi sind – teils seit Jahren – in Haft, auf Grundlage höchst umstrittener Anklagen. Auch ihre Anwälte riskieren, jederzeit verhaftet zu werden, teils sind sie auch verhaftet. Über dergleichen ist die Bevölkerung natürlich informiert. So dürfte sie auch wissen, dass in Kanada derzeit darüber diskutiert wird, Badawi die Staatsangehörigkeit dieses Landes zu verleihen - als eine Möglichkeit, seine Haftzeit zu verlängern. Auch hat die Bevölkerung mitbekommen, dass die so genannte Religionspolizei eingeschränkt worden ist. Dahinter steckt natürlich das Kalkül, dem möglichen Unmut der jüngeren Generationen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Der Druck wächst auch darum, weil der Staatshaushalt unter anderem durch den sinkenden Ölpreis stark unter Druck steht. Der Rentierstaat kann seine Klientel nicht mehr befriedigen. Also muss er ihr die Lust nehmen, sich über die sozialen Medien zum Protest zu verabreden. 

Dr. Kersten Knipp

Dr. Kersten Knipp, geb. 1966, ist Publizist und Journalist. Er ist Politredakteur für den Nahen Osten bei der Deutschen Welle. Zu der Region veröffentlichte er 2016 das Buch "Nervöser Orient. Die arabische Welt und die Moderne" (wbg Theiss 2020)